Mein Christkind

Mein Christkind ist ein sehr heiliges Kind. Es war schon immer bei mir und hat mich angeleitet, anderen Menschen ihre Lasten und Schmerzen abzunehmen. Es lehrte mich, als Sündenesserin zu wirken, wo auch immer ich war. So musste ich stets dafür sorgen, dass es niemandem in meiner Umgebung schlechter ging als mir. Sobald dies der Fall war, bestand meine Aufgabe darin, dieser Person ihren Schmerz abzunehmen und ihn für sie zu verdauen.

Es hatte mir niemand erzählt von diesem Christkind, ich wusste davon seit meiner Geburt. Als ich dann mit sechs Jahren im Kindergarten die Geschichte von Rössli Hü hörte, war ich total hingerissen. Nun wusste ich, was ich tat und warum. Von da an hiess mein Christkind Rössli Hü.

Im Religionsunterrischt hörte ich später von einem Christuskind, das die Menschen und die Welt erlöst habe oder erlösen werde. Mir war nicht so klar, ob das nun schon geschehen war oder ob es erst in der Zukunft zu dieser Erlösung kommen werde, wenn wir alle schön brav seien. Mir gefiel diese Geschichte nicht so gut wie diejenige von Rössli Hü und ich beschloss, weiterhin Rössli Hü zu folgen.

Die Jahre vergingen und ich sah überall Leid in der Welt, das zu lindern wäre. Angefangen bei meiner Familie, weiter bei meinen Partnern, Freundinnen und Freunden. Bei meinen Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz, den Menschen im Bus, im Kino, auf Baustellen, in Einkaufsläden, einfach überall. So war ich stets beschäftigt. Und überlüpfte mich auch regelmässig, sodass ich vor Erschöpfung zusammenbrach.

Doch das liess ich nie lange zu. Ich erinnerte, wie Rössli Hü sich immer wieder aufgerappelt hatte, und machte weiter. – Bis ich so erschöpft war, dass ich keinen Schritt mehr tun konnte und in eine tiefe Depression fiel.

Und da geschah etwas. In mir regte sich eine Stimme, die von sich behauptete, sie sei mein neues Christkind. Es stupste mich von innen her an und sagte: „Hörst du dieses schreiende Kind in dir? Nimm es wahr und tröste es. Ich helfe dir dabei.“ Was dann geschah, fühlte sich an wie ein Wunder.

Seither begleitet mich dieses Geschehen. Da meldet sich immer wieder so Kind, das sofort und unbedingt gehört und in den Arm genommen werden will. Mein neues Christkind ist dann sofort zur Stelle und hilft mir. Kürzlich sagte es mir, das sei meine wichtigste Aufgabe, diese Kinder in meinem Innern wahrzunehmen und in mein Herz zu schliessen. Ich müsse nicht die Welt retten, nur mich selbst. Dann erst sei ich in der Lage, mit anderen Menschen mitzufühlen, ohne deren Lasten tragen zu müssen und mich mit ihnen zu verstricken. Damit wäre echt niemandem gedient und ich würde zuletzt wieder zusammenbrechen.

Passend dazu das Hörgedicht „nicht rund“ aus dem Jahr 2000:

eveline blum: text und stimme; hans peter wermuth: musik.

CD die blums: „imshalé“. poeta productions 2000.