weinen und feiern

Nach dem Hochladen des Audios „bitte weinen“ vor zwei Tagen, begann ich mich zu fragen, was sich für mich in den zwanzig Jahren seit der Aufnahme (und dreissig Jahre seit dem Verfassen des Textes) geändert hat. Noch immer gibt es die Stimme in mir, die den Menschen etwas zurufen will. „Bitte weinen. Bitte hinschauen. Bitte mutig der Wahrheit des eigenen Herzens folgen. Bitte mitfühlend und friedvoll bleiben bei allem, was sich zeigt. Bitte Vergebung üben. Bitte Schönheit, Wahrheit, Güte und Liebe im Fokus halten.“

Als ehemalige Journalistin kenne ich diese Art von Mission: Den Menschen sagen zu wollen, was Sache ist. Und genau das bin ich dabei, loszulassen. Das ist nicht die Art, wie ich mit Menschen kommunizieren und zusammenleben will. Die friedvolle Gemeinschaft, die mir vorschwebt, ist eine Gemeinschaft von mündigen Menschen, welche sich gegenseitig dabei unterstützen, ihre Wahrheit zu erkennen und zu leben. Dazu gehört, dass es Raum gibt für alle Gedanken, Gefühle und individuellen Wahrheiten. Da ist niemand mehr, der den anderen sagt, wie sie sein sollen, weil alle auf dem Weg sind, sich selbst zu erkennen und ihr Selbst zum Ausdruck zu bringen, im Bewusstsein, dass wir aus diesem Selbst heraus gemeinsam unsere kollektive Realität erschaffen. Bewusst oder unbewusst.

Der Weg von unbewusstem zu bewusstem Erschaffen ist… ein Weg. Und dieser Weg folgt keinen äusseren Vorgaben. Er wird von etwas gesteuert, was die meisten Menschen Seele nennen. Die Wissenschaft würde vielleicht von einem Feld sprechen. Und damit komme ich zur Ausgangsfrage. Was ich damals spürte, war im Feld. Ich nahm es wahr und schrieb darüber. Fast niemand in meinem Umfeld verstand, wovon ich sprach. Heute sehe ich im aktuellen Chaos der äusseren Welt, was ich mit dem Text ansprach. Was mich damals schon beunruhigte, kommt nun ans Licht.

Im Gegensatz zu damals will ich heute nicht mehr mit Wut und Anklage auf die menschenunwürdigen Machenschaften reagieren, obwohl ich manchmal schrecklich wütend werde. Gleichzeitig empfinde ich, wenn ich mich in den Strassen umsehe, ein tiefes Mitgefühl für alle, die auf ihre Weise mit der aktuellen Situation einen Umgang suchen. Die meisten bemüht, das in ihren Augen Richtige zu tun. Einige mit Masken, andere ohne. Einige entschlossen, Widerstand zu leisten, andere mit gesenktem Blick und einem Gang, als ob sie am liebsten im Erdboden versinken würden. Im Hintergrund (im Feld) nehme ich eine feine Energie wahr, etwas Liebevolles. Da wächst etwas heran, eine Bewusstheit, die mich zuversichtlich stimmt. Wie käme ich dazu, irgend jemanden dafür zu verurteilen, dass er oder sie in einer scheinbar anderen Welt unterwegs ist als ich?

«Dinge geschehen, wie wir sie sehen.», ist einer meiner Leitsätze, den ich gerade überall bestätigt finde. Andere finden anderes bestätigt. So ist es nun. Und ich erinnere mich daran, wie das bei mir war, als ich – vor vierzig Jahren zum ersten Mal – in die dunkle Nacht der Seele katapultiert wurde. Das war eine tief erschütternde Erfahrung. Alles andere als angenehm. Totale Lähmung im Fühlen und Wollen, Ohnmacht pur. In diesem Zustand will eine weder gute Ratschläge hören noch Statistiken überprüfen. Sie tut einfach nur noch das Nötigste, um zu überleben. Und das ist in Ordnung so. Weil dies ein Geschehen ist, das unter der Regie der Seele steht. Das einzige, was mir letztlich geholfen hat, war: akzeptieren, geschehen lassen, im Vertrauen auf die grosse Kraft der Seele und von etwas, das einige Gott, die Quelle, das höchste Bewusstsein, nennen.

So werde ich nun still. Nur ein Fazit will ich noch anfügen. Wie wir die Dinge sehen, hängt von unserem Bewusstseinszustand ab. Daran können wir arbeiten, sofern wir wollen. Vielleicht nicht jetzt sofort, sondern wenn wir durch den dunklen Tunnel durch sind. Und: Wir brauchen keinen Konsens, um zu lieben! – Im Gegenteil. Vielleicht lehrt uns eine Situation, in der kein Konsens möglich ist, was lieben heisst. Und das ist doch ein Grund zu feiern!

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