Bahnhof

Ein Zug steht im Bahnhof.

Es ist kein gewöhnlicher Zug, sondern einer, der in alle möglichen und auch in unmögliche Richtungen fahren kann.

Wo hin willst du?

Du drehst den Kopf, um zu schauen, wen der Zug gefragt haben könnte.
Kein Mensch in Sicht.
Du bist ganz allein in diesem 0815-Bahnhof.

Wo hin willst Du?, wiederholt der Zug seine Frage.

Du bist leicht konsterniert.
Schweigst erst mal.

Nichts geschieht.
Der Zug steht immer noch da.
Fragend irgendwie.

Muss ich mitfahren?,
fragst Du nach einigem Zögern.
Muss ich mich jetzt sofort entscheiden?

Der Zug lächelt.
Und schweigt.

Wo hin fährst Du?, fragst Du weiter.
Wo immer Du hin willst, sagt der Zug.
Freundlich und immer noch lächelnd.

Und wenn ich nicht weiss, wohin ich will?,
fragst Du jetzt gerade heraus.

Dann nehme ich dich mit auf eine Reise ins Jetzt.
Willst Du?

Ja, sagst du.

Okay, sagt der Zug.

Ins Jetzt – aber nicht weiter, bekräftigst du.

Ins Jetzt, aber nicht weiter, wiederholt der Zug.

Jetzt, ja, jetzt, sagst du innerlich und der Zug fährt los.
Es ist dunkel im Zug. Wie in einem langen Tunnel.
Nach einer Weile beginnst Du, etwas zu sehen.
In der Dunkelheit.
Als ob Bilder auf Dich zu kämen.
Du fährst durch die Bilder hindurch.
Durch ganze Bilder-Geschichten hindurch. Wie in einem Film.
Jetzt erst erkennst Du die Bilder.
Sie sind deine Vergangenheit. In dichten, rasch aufeinander folgenden Bildern.

Und jetzt?
Da kommen Deine Pläne für die Zukunft.
Du fährst durch sie hindurch.
Wirst leicht schläfrig.
Siehst immer noch Bilder.
Dieselben wie vorher, aber…
Sie sind eben dabei, sich aufzulösen.
Deine Pläne, Projekte, Vorhaben: sie verschmelzen zu einem einzigen flüssigen Kristall.

Jetzt, ja, jetzt ,
sagst Du, ohne etwas sagen zu wollen.

Der Zug fährt weiter.
Es ist immer noch dunkel.
Da sind keine Bilder mehr.
Auch der Kristall ist verschwunden.

Der Zug fährt.
Oder fährt er gar nicht mehr?

Jetzt, ja, jetzt,
hörst Du Dich sagen.
Dann ist es still.
Sehr still.
Und immer noch dunkel.

Plötzlich erinnerst Du Dich an etwas, was Dich der Zug gefragt hatte.
Wo hin willst Du?
Du fragst Dich, was Du tun würdest, wenn…

Wenn was?,
fragst Du in den dunklen Zug hinein.

Der Zug gibt keine Antwort.
Doch da ist etwas, was zu antworten scheint.
Du weißt nicht, wo es her kommt.
Es ist eine Frage, die Fortsetzung Deiner Frage:

Wenn Du alles noch einmal entscheiden, alles neu empfangen, alles neu schaffen würdest, jetzt – was würdest du tun?