neu sehen

Was mir bewusst wird angesichts des abgrundtiefen Leides, das ich bei vielen Menschen sehe und spüre:

Wir müssen aufhören, die Dinge persönlich zu nehmen. Aufhören, andere verantwortlich zu machen für das, was uns geschieht. Aufhören Schuld zuzuweisen, aufhören, uns als Opfer zu positionieren und andere zu Tätern zu machen. Oder umgekehrt.

Das ist ein Spiegelkabinett, dem wir nicht entkommen, so lange wir nicht fähig und entschlossen sind, die Ebene zu wechseln, das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielfeld zu verlassen.

Wir können das, wir sind dafür ausgerüstet, ja, ich behaupte sogar, wir sind dafür vorgesehen, dies zu tun. Jetzt. Und immer wieder. Es ist ja ein Gang auf Messers Schneide, so lange wir noch mittendrin sind in diesem alten Spiel.

Sobald wir aufhören, die Dinge persönlich zu nehmen und in irgend einer Weise beleidigt zu sein, können wir erst einmal anhalten und den ganzen Shit annehmen, den wir kreiert haben. Wir alle gemeinsam. Und dann die Ebene wechseln, indem wir alles Urteilen loslassen. Das ist die Herausforderung. Aufhören zu kämpfen. Aufhören zu schimpfen. Aufhören zu jammern. Fühlen, wie es gerade ist. Weinen, wenn weinen dran ist. Seufzen. Unter die Bettdecke kriechen. Atmen. Und dann still werden. Nach und nach sehen, wie wir alle gemeinsam in diesem Boot sitzen. Was da gerade geschieht. Im Annehmen neu sehen, was da ist. Mitfühlend schauen auf uns selbst und auf die anderen. Das Geschehen aus einer erweiterten Perspektive wahrnehmen. Spüren, dass da etwas ist, was uns übersteigt. Etwas Feines, Starkes, Unbenennbares. Uns dieser Intelligenz anvertrauen und von ihr inspirieren lassen. Handeln, sobald wir spüren, dass Handlung dran ist. Nicht gegen etwas, sondern für das, was uns erhebt, begeistert und freut. So irgendwie würde ich predigen, wenn ich ein Mandat dazu hätte. Zum Glück hab ich keins!