Leicht schwindlig

„So geht das also. Du siehst neu, ohne etwas zu sehen. Bist da. Aufgewühlt. Verwirrt. Leicht schwindlig. Willst nichts Bestimmtes. Gehst durch den Tag wie eine Schlange, nah am Boden. Fliegst gleichzeitig wie eine Libelle. Steil hinauf und hinein in eine Welt. Steil hinunter und hinein in eine andere. Du bewegst dich mehrspurig. Bist Schlange und Libelle. Ein Mensch, der auch Tier ist. Insekt. Seine Flügel erinnert. Engelsflügel.“

aus: „Tanzen wird sie, erst einmal.“ (2019)

ein spiel

Eveline Blum: spoken word (2006*)

es war ein spiel das mich darauf brachte eine übung in der es darum ging herauszufinden was für einen satz wir wählen würden wenn wir nur noch einen einzigen zur verfügung hätten um ihn der menge zuzurufen vom dach eines hochhauses auf dem wir stünden kurz bevor wir diesen planeten verlassen würden wir hätten also nur noch diesen einen satz hiess es in der übung den wir den unten versammelten menschen zurufen könnten und dieser satz wäre das einzige was den menschen von uns in erinnerung bleiben würde ich erinnere mich gut wie ich spontan und in kindlicher freude diesen satz damals formulierte ich kann fliegen und nach einem tiefen atemzug schon halb in der luft schwebend fügte ich an und sie können das auch

*CD „wenn ich himmel wär“. poeta productions 2006.

Familien

Es ist eigenartig. Auch das Verständnis von Familie wandelt sich gerade auf wundersame Weise. Natürlich bin ich Teil der biologischen Familie mit allen Ahnen. Gleichzeitig sind da die Seelenverwandten, die uns im Lauf unseres Lebens fördern oder fordern, oder beides. Mit denen wir etwas zu tun haben, ob wir dies wollen oder nicht. Ich gehe davon aus, dass da nichts zufällig zusammenkommt. So wie es den Zufall im landläufigen Sinn gar nicht gibt. Es fallen uns wohl Dinge zu, scheinbar ohne Grund, ohne kausalen Zusammenhang. Doch im Hintergrund wirken akausale Kräfte, in allem was geschieht. Nur weil wir diese Kräfte weder sehen, messen noch verstehen können, heisst das nicht, dass sie nicht da sind.

Anyway. Zurück zum Thema Familien.

Im Verlauf der letzten Monate fiel mir auf, wie sich mein Gefühl von Zugehörigkeit von Tag zu Tag neu formierte.

Erst einmal war ich sehr viel allein. Und das führte dazu, dass ich mich selbst in neuer Tiefe wahrzunehmen begann. In diesem Wahrnehmen setzte ein Geschehen ein, das ich kaum beschreiben kann. Als ob ich mich in mich selbst hinein neu gebären würde. Gebärmutter war mein stilles erweitertes Bewusstsein. Darin nahm ich mich auf; mehr und mehr Teile von mir fanden darin Platz, und wenn ich meinte, der Prozess sei abgeschlossen, meldeten sich weitere Teile, die auch noch mit da hinein wollten. Also öffnete ich erneut mein Herz und dehnte es zusammen mit dem Bewusstsein noch weiter aus. «Okay, du darfst auch hier sein.», sagte ich zu jedem dieser Wesen, ob dies nun ein Gefühl, ein Gedanke, eine Energie oder eine innere Gestalt war. Alle durften da sein. Ich machte ihnen allen Platz.

Und dann rief mich die Deva vom Glasbrunnen, einem Kraftplatz im nahen Bremgartenwald.

Sie zeigte sich mir zum ersten Mal als grosse ätherische Gestalt zwischen den hohen Bäumen. Erst ihr feines Gesicht, den Schädel, wie eine Ausserirdische. Dann wechselte sie die Gestalt. Elfe, Mädchen, Frau, alle mit einem Gesicht, das ich als meines erkannte. Alle liebevoll, fein und zart. Unten im Körper der Deva ganz viele Wesen. Elementarwesen, zum Teil mit Fratzen, schaurig, schräg und wild. Sie schauen mich alle an. Da ist nichts Furchterregendes dabei; die Deva hält sie alle ruhig in ihrem Feld. Wie ich den Blick wieder nach oben wende, zum Kopf der Deva, ist ihr Schädel in den Hintergrund gerückt, versteckt hinter den Bäumen. Nun zeigt sich – ebenso ätherisch wie die Deva – eine andere Figur: ein männlicher Körper, schwer beladen und offensichtlich leidend. Vom Gefühl her bin das nicht ich. Dann noch eine Figur. Auch nicht ich. Kurz taucht wie ein Schatten die Deva noch einmal auf und verschwindet gleich wieder. Ihren Platz nimmt eine weitere Gestalt ein, scheu irgendwie, mit angestrengt offenen Augen. Als ob sie sich nicht sicher wäre, sich fragte, ob sie hier sicher sei. Ich versuche, die Deva wieder in mein Blickfeld zu bekommen, doch sie zeigt sich nicht mehr. Mit einem tiefen Ausatmen lasse ich los, danke für alles und gehe bedächtigen Schrittes zu meinem Fahrrad. «Auch die anderen sind alle ich.», vernehme ich, bevor ich losfahre.

Neugeburt

Es fühlt sich gerade an, als ob ich mich selbst neu gebären würde. Ein Druck im Unterleib, der nach nichts anderem verlangt, als dass ich mich dem Geschehen hingebe. Ähnlich wie beim Toilettengang: Es will was raus, aber es kommt nur, wenn ich es lasse. Sobald ich zu sehr presse, geht gar nichts mehr. Und doch braucht es meine volle Präsenz und ein kurzes Pressen im richtigen Moment. Eine Synthese zwischen fokussierter Absicht und entspanntem Geschehenlassen, eine Zusammenarbeit zwischen der Körperdeva und dem wachen Selbst. Nur das kleine Ich mit seinem Tunwollen und seinen Erwartungen hat hier nichts zu suchen. Dies ist ein Geschehen zwischen Himmel und Erde, ein Zusammenwirken zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten, das uns demonstriert, wie unangemessen eine Wertung ist, welche das Höchste oder Obere als besser und das Niedrigste oder Untere als weniger gut einstuft.

Als ich mir das gestern publizierte audio piece zwanzig Jahre nach der Produktion wieder mal anhörte, wurde mir zweierlei bewusst. Erstens: Wie sehr ich damals unter Druck stand und meinte, dieser Umbau müsse sofort vonstatten gehen, weil wir keine Zeit mehr für lange Prozesse hätten. Zweitens: Ich habe zwanzig Jahr gebraucht für den inneren Prozess, den ich damals vorausahnte, ersehnte und anpeilte. Dabei ging es mir (und im besten Fall kommt das im audio rüber) mehr um den Umbau meiner inneren Wohnungen als um neue Möbel. Und genau dafür brauchte ich Zeit. Viel mehr Zeit als ich bereit war, mir zu gewähren. Das Fatale daran war, wie ich heute klar erkenne: Je mehr ich diesen Umbau willentlich anpeilte, desto mehr entzog er sich mir. Als ob ich den ersehnten Wandel mit meinem (zeitweise krampfhaften) Wollen von mir wegstossen würde. Was mich unglaublich wütend machte. Auf mich selbst, auf die Trägheit dieser physischen Dimension, auf Menschen, die nichts von einem Wandel hören wollten, auf Institutionen, die in erstarrten Strukturen verharrten. So distanzierte ich mich innerlich von all dem – von der Welt, aber auch von mir selbst. Im Willen, alles zu verändern…

Wenn ich jetzt, im August 2020, hineinfühle in die aktuelle Stimmung da draussen, habe ich den Eindruck, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Sie wollen eine Veränderung. Jetzt sofort. Und sie meinen zu wissen, wie das geht. Können nicht verstehen, dass andere nicht auch so wie sie… Vielleicht befassen sie sich eher mit dem äusseren Umbau als mit dem inneren, doch der Mechanismus ist derselbe: Was sie mit Anstrengung und Willen anstreben, funktioniert nicht mehr. Unabhängig davon, wie sie über Corona denken, ob sie für oder gegen die aktuellen Massnahmen sind.

Das ist, was ich aktuell wahrnehme und was ich dazu sagen kann. Es geht so nicht weiter. Mit Willen, mit Anstrengung, mit Spaltungen und Abtrennungen von anderen. Mit dem Fokus auf Gewinn. Mit Konkurrenz. Mit Leben auf Kosten anderer. Wir leben in einem neuen Paradigma. Und dieses Paradigma verlangt von uns ein völlig neues Bewusstsein, eine neue Herangehensweise, eine neue Art zu leben. Wie, wo, was, finden wir gerade gemeinsam heraus. In diesem kollektiven Geburtsprozess. Und da ist, es liegt auf der Hand, die Weisheit des weiblichen Prinzips gefragt, mehr denn je. Wobei – auch das ist längst bekannt: Frauen wie Männer darauf zugreifen können. Sofern sie es wagen und den Mut aufbringen, sich einem Prozess hinzugeben, den sie nicht in der Hand haben.

neu sehen

Was mir bewusst wird angesichts des abgrundtiefen Leides, das ich bei vielen Menschen sehe und spüre:

Wir müssen aufhören, die Dinge persönlich zu nehmen. Aufhören, andere verantwortlich zu machen für das, was uns geschieht. Aufhören Schuld zuzuweisen, aufhören, uns als Opfer zu positionieren und andere zu Tätern zu machen. Oder umgekehrt.

Das ist ein Spiegelkabinett, dem wir nicht entkommen, so lange wir nicht fähig und entschlossen sind, die Ebene zu wechseln, das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielfeld zu verlassen.

Wir können das, wir sind dafür ausgerüstet, ja, ich behaupte sogar, wir sind dafür vorgesehen, dies zu tun. Jetzt. Und immer wieder. Es ist ja ein Gang auf Messers Schneide, so lange wir noch mittendrin sind in diesem alten Spiel.

Sobald wir aufhören, die Dinge persönlich zu nehmen und in irgend einer Weise beleidigt zu sein, können wir erst einmal anhalten und den ganzen Shit annehmen, den wir kreiert haben. Wir alle gemeinsam. Und dann die Ebene wechseln, indem wir alles Urteilen loslassen. Das ist die Herausforderung. Aufhören zu kämpfen. Aufhören zu schimpfen. Aufhören zu jammern. Fühlen, wie es gerade ist. Weinen, wenn weinen dran ist. Seufzen. Unter die Bettdecke kriechen. Atmen. Und dann still werden. Nach und nach sehen, wie wir alle gemeinsam in diesem Boot sitzen. Was da gerade geschieht. Im Annehmen neu sehen, was da ist. Mitfühlend schauen auf uns selbst und auf die anderen. Das Geschehen aus einer erweiterten Perspektive wahrnehmen. Spüren, dass da etwas ist, was uns übersteigt. Etwas Feines, Starkes, Unbenennbares. Uns dieser Intelligenz anvertrauen und von ihr inspirieren lassen. Handeln, sobald wir spüren, dass Handlung dran ist. Nicht gegen etwas, sondern für das, was uns erhebt, begeistert und freut. So irgendwie würde ich predigen, wenn ich ein Mandat dazu hätte. Zum Glück hab ich keins!