das feld pflügen

eveline blum: spoken word. recorded 2020, written 2009.

Der Text zu diesem Audio ist über zehn Jahre alt. Seither habe ich einige Felder gepflügt.

Heute freue ich mich darüber, dass nun viele bereit und entschlossen sind, ihre Felder zu pflügen. Wer welches Feld zu bearbeiten hat, zeigt sich gerade überall. Es ist da, wo wir nicht hinschauen wollen, wo wir lieber wegrennen würden. Innen wie aussen. Individuell und kollektiv.

Und es sieht so aus, als ob sich derzeit niemand mehr einfach so vom Acker machen könnte.

weinen und feiern

Nach dem Hochladen des Audios „bitte weinen“ vor zwei Tagen, begann ich mich zu fragen, was sich für mich in den zwanzig Jahren seit der Aufnahme (und dreissig Jahre seit dem Verfassen des Textes) geändert hat. Noch immer gibt es die Stimme in mir, die den Menschen etwas zurufen will. „Bitte weinen. Bitte hinschauen. Bitte mutig der Wahrheit des eigenen Herzens folgen. Bitte mitfühlend und friedvoll bleiben bei allem, was sich zeigt. Bitte Vergebung üben. Bitte Schönheit, Wahrheit, Güte und Liebe im Fokus halten.“

Als ehemalige Journalistin kenne ich diese Art von Mission: Den Menschen sagen zu wollen, was Sache ist. Und genau das bin ich dabei, loszulassen. Das ist nicht die Art, wie ich mit Menschen kommunizieren und zusammenleben will. Die friedvolle Gemeinschaft, die mir vorschwebt, ist eine Gemeinschaft von mündigen Menschen, welche sich gegenseitig dabei unterstützen, ihre Wahrheit zu erkennen und zu leben. Dazu gehört, dass es Raum gibt für alle Gedanken, Gefühle und individuellen Wahrheiten. Da ist niemand mehr, der den anderen sagt, wie sie sein sollen, weil alle auf dem Weg sind, sich selbst zu erkennen und ihr Selbst zum Ausdruck zu bringen, im Bewusstsein, dass wir aus diesem Selbst heraus gemeinsam unsere kollektive Realität erschaffen. Bewusst oder unbewusst.

Der Weg von unbewusstem zu bewusstem Erschaffen ist… ein Weg. Und dieser Weg folgt keinen äusseren Vorgaben. Er wird von etwas gesteuert, was die meisten Menschen Seele nennen. Die Wissenschaft würde vielleicht von einem Feld sprechen. Und damit komme ich zur Ausgangsfrage. Was ich damals spürte, war im Feld. Ich nahm es wahr und schrieb darüber. Fast niemand in meinem Umfeld verstand, wovon ich sprach. Heute sehe ich im aktuellen Chaos der äusseren Welt, was ich mit dem Text ansprach. Was mich damals schon beunruhigte, kommt nun ans Licht.

Im Gegensatz zu damals will ich heute nicht mehr mit Wut und Anklage auf die menschenunwürdigen Machenschaften reagieren, obwohl ich manchmal schrecklich wütend werde. Gleichzeitig empfinde ich, wenn ich mich in den Strassen umsehe, ein tiefes Mitgefühl für alle, die auf ihre Weise mit der aktuellen Situation einen Umgang suchen. Die meisten bemüht, das in ihren Augen Richtige zu tun. Einige mit Masken, andere ohne. Einige entschlossen, Widerstand zu leisten, andere mit gesenktem Blick und einem Gang, als ob sie am liebsten im Erdboden versinken würden. Im Hintergrund (im Feld) nehme ich eine feine Energie wahr, etwas Liebevolles. Da wächst etwas heran, eine Bewusstheit, die mich zuversichtlich stimmt. Wie käme ich dazu, irgend jemanden dafür zu verurteilen, dass er oder sie in einer scheinbar anderen Welt unterwegs ist als ich?

«Dinge geschehen, wie wir sie sehen.», ist einer meiner Leitsätze, den ich gerade überall bestätigt finde. Andere finden anderes bestätigt. So ist es nun. Und ich erinnere mich daran, wie das bei mir war, als ich – vor vierzig Jahren zum ersten Mal – in die dunkle Nacht der Seele katapultiert wurde. Das war eine tief erschütternde Erfahrung. Alles andere als angenehm. Totale Lähmung im Fühlen und Wollen, Ohnmacht pur. In diesem Zustand will eine weder gute Ratschläge hören noch Statistiken überprüfen. Sie tut einfach nur noch das Nötigste, um zu überleben. Und das ist in Ordnung so. Weil dies ein Geschehen ist, das unter der Regie der Seele steht. Das einzige, was mir letztlich geholfen hat, war: akzeptieren, geschehen lassen, im Vertrauen auf die grosse Kraft der Seele und von etwas, das einige Gott, die Quelle, das höchste Bewusstsein, nennen.

So werde ich nun still. Nur ein Fazit will ich noch anfügen. Wie wir die Dinge sehen, hängt von unserem Bewusstseinszustand ab. Daran können wir arbeiten, sofern wir wollen. Vielleicht nicht jetzt sofort, sondern wenn wir durch den dunklen Tunnel durch sind. Und: Wir brauchen keinen Konsens, um zu lieben! – Im Gegenteil. Vielleicht lehrt uns eine Situation, in der kein Konsens möglich ist, was lieben heisst. Und das ist doch ein Grund zu feiern!

Welten bewegen

Plötzlich bist du riesig und mächtig. Du kannst Welten bewegen und du weißt es. Flüssige Welten sind es in Wirklichkeit, Landschaften, die durch dich hindurch fliessen. Du gibst ihnen deine Prägung. Dir wird bewusst, welche Macht du hast. Panik erfasst dich einen Moment lang. Und wenn du das Falsche denkst?

Zurückkehren in die lichte Mitte. Vogelgezwitscher. Die Geometrie der Pflanzen. Und alles spricht die Sprache der Liebe. Die Avocado im Treppenhaus mit ihren saftigen grünen Blättern umhüllt dich mit Zärtlichkeit, sobald du ihrer gewahr wirst. Du bleibst stehen – mit Tränen in den Augen. Ergriffensein wie noch nie. Es nimmt dich fast weg von deinem Stand, macht dich wiederum flüssig, doch du erinnerst die Stufen, die Treppe, konzentrierst dich und steigst weiter hinauf zu deiner Wohnung. Hinlegen willst du dich. Es ist fast zu viel. „Die Welt wird so klein, wenn dein Herz gross ist“, denkst du. Dann schläfst du ein.

Bahnhof

Ein Zug steht im Bahnhof.

Es ist kein gewöhnlicher Zug, sondern einer, der in alle möglichen und auch in unmögliche Richtungen fahren kann.

Wo hin willst du?

Du drehst den Kopf, um zu schauen, wen der Zug gefragt haben könnte.
Kein Mensch in Sicht.
Du bist ganz allein in diesem 0815-Bahnhof.

Wo hin willst Du?, wiederholt der Zug seine Frage.

Du bist leicht konsterniert.
Schweigst erst mal.

Nichts geschieht.
Der Zug steht immer noch da.
Fragend irgendwie.

Muss ich mitfahren?,
fragst Du nach einigem Zögern.
Muss ich mich jetzt sofort entscheiden?

Der Zug lächelt.
Und schweigt.

Wo hin fährst Du?, fragst Du weiter.
Wo immer Du hin willst, sagt der Zug.
Freundlich und immer noch lächelnd.

Und wenn ich nicht weiss, wohin ich will?,
fragst Du jetzt gerade heraus.

Dann nehme ich dich mit auf eine Reise ins Jetzt.
Willst Du?

Ja, sagst du.

Okay, sagt der Zug.

Ins Jetzt – aber nicht weiter, bekräftigst du.

Ins Jetzt, aber nicht weiter, wiederholt der Zug.

Jetzt, ja, jetzt, sagst du innerlich und der Zug fährt los.
Es ist dunkel im Zug. Wie in einem langen Tunnel.
Nach einer Weile beginnst Du, etwas zu sehen.
In der Dunkelheit.
Als ob Bilder auf Dich zu kämen.
Du fährst durch die Bilder hindurch.
Durch ganze Bilder-Geschichten hindurch. Wie in einem Film.
Jetzt erst erkennst Du die Bilder.
Sie sind deine Vergangenheit. In dichten, rasch aufeinander folgenden Bildern.

Und jetzt?
Da kommen Deine Pläne für die Zukunft.
Du fährst durch sie hindurch.
Wirst leicht schläfrig.
Siehst immer noch Bilder.
Dieselben wie vorher, aber…
Sie sind eben dabei, sich aufzulösen.
Deine Pläne, Projekte, Vorhaben: sie verschmelzen zu einem einzigen flüssigen Kristall.

Jetzt, ja, jetzt ,
sagst Du, ohne etwas sagen zu wollen.

Der Zug fährt weiter.
Es ist immer noch dunkel.
Da sind keine Bilder mehr.
Auch der Kristall ist verschwunden.

Der Zug fährt.
Oder fährt er gar nicht mehr?

Jetzt, ja, jetzt,
hörst Du Dich sagen.
Dann ist es still.
Sehr still.
Und immer noch dunkel.

Plötzlich erinnerst Du Dich an etwas, was Dich der Zug gefragt hatte.
Wo hin willst Du?
Du fragst Dich, was Du tun würdest, wenn…

Wenn was?,
fragst Du in den dunklen Zug hinein.

Der Zug gibt keine Antwort.
Doch da ist etwas, was zu antworten scheint.
Du weißt nicht, wo es her kommt.
Es ist eine Frage, die Fortsetzung Deiner Frage:

Wenn Du alles noch einmal entscheiden, alles neu empfangen, alles neu schaffen würdest, jetzt – was würdest du tun?