Neugeburt

Es fühlt sich gerade an, als ob ich mich selbst neu gebären würde. Ein Druck im Unterleib, der nach nichts anderem verlangt, als dass ich mich dem Geschehen hingebe. Ähnlich wie beim Toilettengang: Es will was raus, aber es kommt nur, wenn ich es lasse. Sobald ich zu sehr presse, geht gar nichts mehr. Und doch braucht es meine volle Präsenz und ein kurzes Pressen im richtigen Moment. Eine Synthese zwischen fokussierter Absicht und entspanntem Geschehenlassen, eine Zusammenarbeit zwischen der Körperdeva und dem wachen Selbst. Nur das kleine Ich mit seinem Tunwollen und seinen Erwartungen hat hier nichts zu suchen. Dies ist ein Geschehen zwischen Himmel und Erde, ein Zusammenwirken zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten, das uns demonstriert, wie unangemessen eine Wertung ist, welche das Höchste oder Obere als besser und das Niedrigste oder Untere als weniger gut einstuft.

Als ich mir das gestern publizierte audio piece zwanzig Jahre nach der Produktion wieder mal anhörte, wurde mir zweierlei bewusst. Erstens: Wie sehr ich damals unter Druck stand und meinte, dieser Umbau müsse sofort vonstatten gehen, weil wir keine Zeit mehr für lange Prozesse hätten. Zweitens: Ich habe zwanzig Jahr gebraucht für den inneren Prozess, den ich damals vorausahnte, ersehnte und anpeilte. Dabei ging es mir (und im besten Fall kommt das im audio rüber) mehr um den Umbau meiner inneren Wohnungen als um neue Möbel. Und genau dafür brauchte ich Zeit. Viel mehr Zeit als ich bereit war, mir zu gewähren. Das Fatale daran war, wie ich heute klar erkenne: Je mehr ich diesen Umbau willentlich anpeilte, desto mehr entzog er sich mir. Als ob ich den ersehnten Wandel mit meinem (zeitweise krampfhaften) Wollen von mir wegstossen würde. Was mich unglaublich wütend machte. Auf mich selbst, auf die Trägheit dieser physischen Dimension, auf Menschen, die nichts von einem Wandel hören wollten, auf Institutionen, die in erstarrten Strukturen verharrten. So distanzierte ich mich innerlich von all dem – von der Welt, aber auch von mir selbst. Im Willen, alles zu verändern…

Wenn ich jetzt, im August 2020, hineinfühle in die aktuelle Stimmung da draussen, habe ich den Eindruck, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Sie wollen eine Veränderung. Jetzt sofort. Und sie meinen zu wissen, wie das geht. Können nicht verstehen, dass andere nicht auch so wie sie… Vielleicht befassen sie sich eher mit dem äusseren Umbau als mit dem inneren, doch der Mechanismus ist derselbe: Was sie mit Anstrengung und Willen anstreben, funktioniert nicht mehr. Unabhängig davon, wie sie über Corona denken, ob sie für oder gegen die aktuellen Massnahmen sind.

Das ist, was ich aktuell wahrnehme und was ich dazu sagen kann. Es geht so nicht weiter. Mit Willen, mit Anstrengung, mit Spaltungen und Abtrennungen von anderen. Mit dem Fokus auf Gewinn. Mit Konkurrenz. Mit Leben auf Kosten anderer. Wir leben in einem neuen Paradigma. Und dieses Paradigma verlangt von uns ein völlig neues Bewusstsein, eine neue Herangehensweise, eine neue Art zu leben. Wie, wo, was, finden wir gerade gemeinsam heraus. In diesem kollektiven Geburtsprozess. Und da ist, es liegt auf der Hand, die Weisheit des weiblichen Prinzips gefragt, mehr denn je. Wobei – auch das ist längst bekannt: Frauen wie Männer darauf zugreifen können. Sofern sie es wagen und den Mut aufbringen, sich einem Prozess hinzugeben, den sie nicht in der Hand haben.

neu sehen

Was mir bewusst wird angesichts des abgrundtiefen Leides, das ich bei vielen Menschen sehe und spüre:

Wir müssen aufhören, die Dinge persönlich zu nehmen. Aufhören, andere verantwortlich zu machen für das, was uns geschieht. Aufhören Schuld zuzuweisen, aufhören, uns als Opfer zu positionieren und andere zu Tätern zu machen. Oder umgekehrt.

Das ist ein Spiegelkabinett, dem wir nicht entkommen, so lange wir nicht fähig und entschlossen sind, die Ebene zu wechseln, das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielfeld zu verlassen.

Wir können das, wir sind dafür ausgerüstet, ja, ich behaupte sogar, wir sind dafür vorgesehen, dies zu tun. Jetzt. Und immer wieder. Es ist ja ein Gang auf Messers Schneide, so lange wir noch mittendrin sind in diesem alten Spiel.

Sobald wir aufhören, die Dinge persönlich zu nehmen und in irgend einer Weise beleidigt zu sein, können wir erst einmal anhalten und den ganzen Shit annehmen, den wir kreiert haben. Wir alle gemeinsam. Und dann die Ebene wechseln, indem wir alles Urteilen loslassen. Das ist die Herausforderung. Aufhören zu kämpfen. Aufhören zu schimpfen. Aufhören zu jammern. Fühlen, wie es gerade ist. Weinen, wenn weinen dran ist. Seufzen. Unter die Bettdecke kriechen. Atmen. Und dann still werden. Nach und nach sehen, wie wir alle gemeinsam in diesem Boot sitzen. Was da gerade geschieht. Im Annehmen neu sehen, was da ist. Mitfühlend schauen auf uns selbst und auf die anderen. Das Geschehen aus einer erweiterten Perspektive wahrnehmen. Spüren, dass da etwas ist, was uns übersteigt. Etwas Feines, Starkes, Unbenennbares. Uns dieser Intelligenz anvertrauen und von ihr inspirieren lassen. Handeln, sobald wir spüren, dass Handlung dran ist. Nicht gegen etwas, sondern für das, was uns erhebt, begeistert und freut. So irgendwie würde ich predigen, wenn ich ein Mandat dazu hätte. Zum Glück hab ich keins!